José Bordalás und Getafes Kunst des "Haramball": der Weg nach Europa mit 32 Toren

Tuna Başkan
Tuna Başkan
calendar_month 24. Mai 2026 visibility 29 Aufrufe

Das Bild der Saison: Wenige Tore, viele Punkte

Getafes Saison 2025/26 ist statistisch ein Paradox. Das Team schloss die 38-Spiele-Kampagne mit 48 Punkten auf dem 7. Platz ab und verdiente sich das Recht auf die UEFA-Conference-League-Qualifikationsrunde. Sie erreichten dies nicht mit einer der produktivsten Offensiven, sondern mit einer äußerst kargen. Getafe erzielte nur 32 Tore; das reihte sie unter die torärmsten Teams der Liga ein, fast ganz unten. Gegen Saisonende galt das Team mit 31 Toren als "die torärmste Mannschaft der oberen Tabellenhälfte"; mit dem Tor im letzten Spiel erreichten sie 32.

Defensiv ist das Bild ausgeglichener: Getafe kassierte 36 Gegentore. Trotz negativer Tordifferenz (−4) sammelte das Team 48 Punkte. Das fasst das Wesen des Bordalás-Fußballs zusammen: ein Modell des "Nicht-Verlierens" statt "Gewinnens", das torarme, knappe Ergebnisse aneinanderreiht. Eine Struktur, in der die meisten Siege 1-0 ausfallen und Unentschieden als "akzeptabel" gelten. Das Ergebnis: ein selten gesehenes Profil, ein Europateilnehmer mit negativer Tordifferenz.

Was ist "Haramball"?

"Haramball" ist ein halb-humorvoller, aber treffender Begriff für Getafes Spiel. Dieser Ansatz — den die englische Presse "Anti-Fútbol" oder "Bordalásball" nennt — baut auf einem kompakten, tiefen Abwehrblock, schnellen Kontern, intensivem körperlichem Kampf, häufigen Fouls, ständigem Unterbrechen, Zeitschinden und dem Brechen des gegnerischen Rhythmus auf. Das Ziel ist nicht Ästhetik, sondern das Ergebnis.

Die statistische Signatur ist auffällig. Laut Opta (2024/25) war Getafe das Team mit den meisten zugesprochenen Fouls (204) und den meisten begangenen Fouls (234) in Europas fünf großen Ligen. Der Ball war im Schnitt nur 46,5 Prozent im Spiel — mehr als die Hälfte aus dem Spiel. Kein anderes La-Liga-Team blieb unter 50 Prozent (nächstniedrigster: Alavés, 50,2). Diese Zahlen zeigen, dass "Haramball" kein Zufall, sondern eine bewusste, systematische Strategie ist.

Dieses Spiel zieht den Zorn der Ästheten auf sich und erschöpft die Geduld gegnerischer Fans. Für einen kleinen Madrider Klub mit begrenztem Budget wie Getafe ist es jedoch der ökonomischste Weg, zu überleben und sogar nach Europa zu gehen. Bordalás' Verteidigung ist klar: Mit begrenzten Ressourcen gibt es keine andere Möglichkeit, mit Riesenbudgets zu konkurrieren.

Der Architekt: Wer ist José Bordalás?

Der Name hinter diesem System ist José "Pepe" Bordalás Jiménez (geboren am 5. März 1964, Alicante). Seine Spielerkarriere endete verletzungsbedingt ohne einen einzigen Erstligaeinsatz für Hércules; seine Spur hinterließ er als Trainer. Seine Reise, Mitte der 1990er in seiner Heimatstadt Alicante begonnen, verlief über zwanzig Jahre durch Spaniens untere Ligen (Hércules, Alcoyano, Elche, Alcorcón). Diese lange Lehrzeit legte das Fundament seiner Philosophie des "maximalen Ergebnisses mit minimalen Ressourcen".

Seine La-Liga-Geschichte begann 2015/16, als er Alavés als Meister hochbrachte — und der Klub entließ ihn vor Saisonbeginn, nur 23 Tage danach. 2016 übernahm er ein abgestiegenes, schlecht gestartetes Getafe; er trug es aus den Play-offs in die La Liga und blieb. Auf einen 8. Platz (2017/18) folgte der historische 5. (2018/19); Getafe ging mit Champions-League-Chance in den letzten Spieltag, verpasste sie knapp und blieb in der Europa League, und Bordalás gewann die "Miguel Muñoz"-Auszeichnung. 2019/20 erreichte er das Achtelfinale der Europa League und schaltete reichere Rivalen mit kompaktem Konterspiel aus.

Bei Valencia (2021/22) blieb er ein Jahr. Er wurde 9., trug das Team aber ins Copa-del-Rey-Finale, im Elfmeterschießen gegen Betis verloren. Mit der Rückkehr zu Getafe 2023 fand er die Konstanz, den Klub erneut nach Europa zu führen. Trainer des Monats im Januar 2025 und sein 300. Spiel mit Getafe bestätigen dies.

Historischer Kontext: zum 4. Mal Europa

Das Conference-League-Ticket ist eines von nur wenigen europäischen Abenteuern der Klubgeschichte: das 4. Glied jener kurzen Liste. Im Schatten Madrids, dieselbe Stadt teilend wie Real Madrid und Atlético, mit begrenzter Fanbasis und begrenztem Budget, ist jede europäische Teilnahme ein historischer Gewinn. Der 7. Platz und die Conference League werden als Triumph der Identität und des Überlebensmodells des Klubs gelesen.

Am letzten Spieltag war Getafe Herr seines Schicksals: Das Ergebnis gegen Osasuna würde den 7. Platz bestätigen. In einer angespannten Schlussbegegnung überquerte Getafe mit seinem charakteristischen "feuerlöschenden" Pragmatismus die Linie und wurde zum Helden eines Abends, der beiden Seiten (auch Osasuna, das den Klassenerhalt sicherte) Feiern erlaubte. Dieses Ergebnis, bei dem Bordalás "Wasser in Wein verwandelte", komprimierte die gesamte Philosophie der Saison in ein Spiel.

Fazit: Eine hässliche, aber effektive Kunst

Getafes Geschichte 2025/26 zeigt die Spannung zwischen "Schönheit" und "Effektivität" in reinster Form. Mit 32 Toren, negativer Tordifferenz und als eines der torärmsten Teams nach Europa zu gehen, ist eine statistische Anomalie; aber in Bordalás' System ein konsistentes Ergebnis. Kompakte Defensive, körperliche Überlegenheit, die Kunst des Spielunterbrechens und Kontereffizienz können einen ressourcenbegrenzten Klub vor weitaus reichere Rivalen bringen. Für die einen ist "Haramball" dem Geist des Fußballs zuwider; für die anderen geniales Management. Unbestreitbar: José Bordalás hat einmal mehr bewiesen, dass man mit wenig viel erreichen kann.

📊 Herausragende Statistiken (2025/26)

  • Ligaposition: 7. (48 Punkte) → UEFA-Conference-League-Qualifikationsrunde
  • Erzielte Tore: 32 (eines der torärmsten Teams der Liga)
  • Gegentore: 36 (Tordifferenz −4)
  • Europäische Teilnahme: 4. Mal in der Klubgeschichte
  • Spielstil-Signatur (Opta 2024/25): meiste zugesprochene (204) und begangene Fouls (234) in Europas fünf großen Ligen; Ball im Spiel ~46,5% (niedrigster Wert in La Liga)

👤 José Bordalás — Karriereüberblick

  • Geboren: 5. März 1964, Alicante
  • Brachte Alavés als Meister in die La Liga (2015/16)
  • Getafe 1. Amtszeit (2016–2021): Play-off-Aufstieg, historischer 5. + Europa League 2018/19, Europa-League-Achtelfinale 2019/20
  • Valencia (2021/22): Copa-del-Rey-Finale (im Elfmeterschießen gegen Betis verloren)
  • Getafe 2. Amtszeit (2023–): führte sie erneut nach Europa
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